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Friedrich Nietzsche(Forzetzung)Ob der ruhelose Wanderer in Basel, Sorrent, Bad Ragau,
Naumburg, Bad Bex, Chur, Riva oder Venedig war, er mußte sich stets
mit seinen Manuskripten beschäftigen, die ihm als Basis für seine
weiteren Bücher dienten, wie der "Morgenröte, Gedanken über
menschliche Vorurteile". Darauf folgte "Die fröhliche Wissenschaft",
die quasi ein Vorspiel für sein bedeutendstes Werk "Also sprach
Zarathustra" war. Nietzsche nennt sein Werk auch das fünfte
Evangelium, weil es ein Reich ohne Transzendenz verheißen soll. Da
laut Nietzsche "Gott tot ist", stimmen unsere Anschauungen über
Wahrheit, Lüge, Wissenschaft, Kunst nicht mehr. Alles hat seinen
Sinn verloren und die Rolle des Menschen muß neu durchdacht werden.
Diese Ansicht über die Entwertung der Werte machte ihn zu einem
Wortführer des Nihilismus. Bei ihm erfolgt jedoch die Hinwendung auf
das Diesseits, die letztendlich eine positive Einstellung darstellt,
da sie das Lustprinzip freigibt.
Also kann der Mensch nur eine Erhöhung seiner selbst anstreben.
Nietzsche lehnt die christlichen Tugenden ab; zum Beispiel, dass die
Seele alles ist und der Leib nichts bedeutet. Er bezieht sich in
seinen Manuskripten und im Zarathustra auf die Wichtigkeit des
physischen Lebens auf der Erde und nicht auf die "... überirdischen
Hoffnungen..." (Jenseitsglaube). Das dionysische Prinzip, versteht
er als rauschhaft, irrationale Erleben, das er als schöpferische
Urkraft ansieht. Er stellt dies dem sokratischen Denken Gegenüber,
das die systematische Rationalität betont.
Er ist gegen ein "..freveln..." an der Erde in Form einer
Ausbeutung, da die einzige Zukunft auf der Erde ist und nicht auf
eine Welt danach ausgerichtet ist. Für Nietzsche sind Wahrheiten
nichts objektives, sondern sie sind relativ, da sie durch
historische Umstände bedingt sind.
Seine Empfehlung: "Du gehst zu Frauen? Vergiß die Peitsche
nicht!" deuten die autobiographischen Züge an, da er durch die
Enttäuschung an den Frauen, die er liebte, die Intrigen Elisabeths
(seiner Schwester) und die Dummheit der Mutter, an den Rand der
Verzweiflung, möglicherweise des Selbstmords getrieben wurde.
Nietzsches Werke zeigen psychologische Aspekte, wie sie bisher
in der Philosophie nicht zu beobachten waren.
Nietzsche ist kein systematischer Denker. Es gibt keinen
Einstieg über klar definierte Begriffe, die uns erleichtern würden,
ihn zu verstehen. Das Werk der meisten Philosophen läßt sich
verstehen, ohne über ihre Lebensgeschichte in Einzelheiten
informiert zu sein. Bei Nietzsche verhält es sich eher umgekehrt.
Niemand vor ihm hat so selbstbezogen philosophiert wie er, kaum
einer hat so zerstörerisch sich zur eigenen Tradition verhalten, nur
wenige haben zur eigenen Zeit sich so quergelegt und ihren
Nachfahren so viele Rätsel und Widersprüche hinterlassen. Der
Philosoph lehnte die Aufklärung und den sokratischen Geist, d.h. die
Gleichsetzung von Vernunft, Tugend, Glück und auch die Erlangung von
Erkenntnissen durch wissenschaftliche Methoden ab.
Seine Ansichten wechseln während seines Lebens teilweise ins
Gegenteil. Die Ursache ist die ständige kritische Auseinandersetzung
mit seiner Umwelt, die ihm zu dieser Überzeugung führt. Zum Beispiel
war er aufgrund seiner Erziehung und seines Elternhauses streng
religiös, doch 1888 entstand sein Werk "Der Antichrist". Dieser
Verlust des Glaubens war wohl das entscheidendste Ereignis in
Nietzsches Entwicklung. Er stellte die Sklavenmoral des Christentums
der Moral des freien Geistes gegenüber. Auch seine Einstellung zur
Romantik veränderte sich im Laufe des Lebens. Anfangs war er
überzeugt von den Deutschen und pries sie als das "berühmte Volk der
Innerlichkeit". Später kritisierte er die Deutschen und ihre Art als
unterwürfig, neidisch und zurückgeblieben. Die Besserwisserei der
akademischen Betriebe und die Oberflächlichkeit die sich im
Kulturleben ausbreitete war ihm zuwider.
"Unsere ganze europäische Kultur bewegt sich seit langem schon
mit einer Tortur der Spannung, die von Jahrzehnt zu Jahrzehnt
wächst, auf die Katastrophe los."; dieses Zitat zeigt
Nietzsche als Visionär. Dass ausgerechnet Nietzsche, der im
Gegensatz zu Wagner jede Form des Antisemitismus ablehnte den Nazis
Begriffsbildungen (Übermensch, Herrenmoral, Wille zur Macht) für
ihre faschistischen Parolen lieferte zeigt den Mißbrauch den die
Nazis mit vielen deutschen Philosophen und Schriftstellern getrieben
haben.
Auch hat er die Absurdität des Fortschrittglaubens durchschaut.
Als ob er die Folgen der technischen-wissenschaftlichen Zivilisation
geahnt hätte schreibt er in seinem Nachlaßfragment: "Es ist alles
glatt und gefährlich auf unserer Bahn, und dabei ist das Eis, das
uns trägt, so dünn geworden: Wir fühlen alle den warmen unheimlichen
Atem des Tauwinds - wo wir noch gehen, da wir bald niemand mehr
gehen können."
Am 25. August 1900 starb er in Weimar.
Weitere Werke: - Die Dämmerung (1881)
- Jenseits von Gut und Böse (1886)
- Zur Genealogie der Moral (1887)
- Der Fall Wagner (1888)
- Die Götzendämmerung (1888)
- Ecce Homo (1888)
Quellen: - Gedichte der Philosophie, Curt Friedlein
- Friedrich Nietzsche, Eine bürgerliche Tragödie; Horst
Althaus
- Liengen Lexikon, Band 13
- Die Grossen, Band VIII/2
- Sofies Welt, Jostein Gaarder
- Nietzsche, Ivo Frenzel
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